Ein Traum – ein Bild – eine Erkenntnis! Die Künstlerin Nadja Schwendemann setzt sich malerisch mit dem Thema Vergänglichkeit, Tod und Verdrängung auseinander. Als sie den Pinsel aus der Hand legt, erfasst sie eine bedeutende Einsicht….
“Es war ein sehr realistisch scheinender Traum, der mich zu diesem Bild führte.” Ich näherte mich einer brennenden Stadt. Auf verkohlten Dachterrassen saßen Menschen an gedeckten Tischen und warteten immer noch darauf, dass man ihnen das Essen servierte. Sie ignorierten beharrlich den Zustand ihrer Umgebung und damit auch den nahenden Tod.
In meinem Bild zeige ich die Illusion in Form eines Gedeckes, welches noch auf dem Tisch steht. Das zerbrechliche Weinglas droht in der Hitze zu bersten, es ist nur eine Frage der Zeit. Auch das wird ignoriert.
Tagtäglich werden wir mit der Vergänglichkeit konfrontiert. Es beginnt bereits früh morgens mit dem ersten Blick in den Spiegel. Wieder einen Tag älter, wieder eine Falte mehr. Wir sind keine „zwanzig“ mehr, wie viel haben wir noch vor uns? Die Eltern werden alt, krank und sterben, die Kinder werden groß und wir leben in dem Gefühl, die Zeit läuft immer schneller. Dinge, die einst neu waren, sind heute alt, immer wieder werden wir Trennungsprozessen ausgeliefert, die mehr oder weniger weh tun. Es muss nicht immer der eigene körperliche Tod sein, der uns Angst macht, nicht immer sind es große Katastrophen, die wir befürchten, es sind die kleinen Dinge im Alltag, die uns von einer Vergänglichkeit erzählen, sie immer wieder unter Beweis stellen, und die uns so unverständlich bleibt.
Unser Bewältigungspotenzial ist begrenzt und vieles können oder wollen wir uns nicht vorstellen, der Alltag selbst fordert schon genug. Es ist nicht immer einfach, eine eigene Identität in dieser Gesellschaft und vor uns selbst zu errichten und diese auch zu erhalten. Noch schwerer ist der Gedanke zu ertragen, sie wieder zu verlieren. Was nicht bewältigt werden kann, ignorieren wir. Eigentlich ein ganz natürlicher Prozess. Doch ich werde das Gefühl nicht los, dass die Ignoranz immer weiter ansteigt. Wir bauen unsere heile Welt und lassen uns diese regelmäßig auf den Bildschirmen bestätigen, der Bildschirm ist praktisch, denn die Horrormeldungen bleiben darin gefangen, gelangen nicht bis ins Wohnzimmer, denn auf unseren Tischen stehen immer noch die Gedecke, und mit einer Selbstverständlichkeit verharren wir in Erwartung des nächsten Tages, der uns den selben Wohlstand beschert wie der vorherige.
Können wir denn so sicher sein, dass der nächste Tag genau das bringt, was wir erwarten? Wird der Kellner kommen, unser Glas noch füllen, bevor es zerspringt?
Ich will nicht zulassen, dass es zerspringt, will nicht weiter verharren, in einem Lebensraum, der mir die Luft zum Atmen nimmt, und darauf warten, irgendwann gerettet zu werden. Ich stehe auf, verzichte auf die Illusion und den Kellner und beginne, den Brand in meinem Umfeld, meinem Leben zu löschen. Ich suche mir meinen Wein selbst aus, und befülle mein Glas alleine. Ich sehe in den Spiegel und freunde mich an, mit dem vom Leben verbrannten Gesicht. Dem inneren Tod gerade noch entkommen akzeptiere ich den Verzicht, nehme die Trennung als einen Teil des Lebens hin, der mir die Pforten in neue Regionen öffnet. Die Vergänglichkeit macht mir Hoffnung, gibt mir Mut und Zuversicht, zeugt von der Möglichkeit zur Veränderung. Um einen Schritt in die Zukunft zu tun muss ich den Platz verlassen, auf dem ich gestanden habe. Während meiner Geburt hatte ich Angst, meinen vertrauten Platz zu verlassen. Doch neben mir stand der Tod und ER trieb mich ins Leben.






waltraud aouida
9. August 2012
Machen wir uns keine Illusionen über den Tod, er ist immer da, präsent und wartet geduldig. Lassen wir los von unseren Ängsten und begeben uns ganz gelassen auf unseren weiteren Weg, denn: wir können es nicht ändern.
Vielleicht zerpringt unser Glas bevor der Kellner kommt- vielleicht nicht.
Gelassenheit und das Wissen, das es immer der letzte Tag sein könnte!
Anja
9. August 2012
Hallo Nadja,
ein großartiges , sehr eindrucksvolles Bild zu sehr spannenden Gedanken. Toll wie du dieses Thema in Wort und Bild gesetzt hast. Macht Lust auf weitere tolle Artikel und Bilder von Dir!
LG Anja
Anja Scheik
9. August 2012
Ein schöner Artikel! Ich schrieb vor vielen Jahren ein Gedicht zu dem Thema:
DIE TÄNZERIN
Sie tanzte mit dem Tod.
Er lehrte sie lieben und hassen,
kommen und gehen lassen.
Sie tanzte mit dem Tod.
Er weckte ihre Wut,
entfachte ihre Glut.
Sie tanzte mit dem Tod.
Fühlte seine unerbittliche Kraft,
das Feuer ihrer Leidenschaft.
Sie tanzte mit dem Tod.
Lernte alle seine Schritte,
fand so ihre Mitte.
Sie tanzte mit dem Tod.
Er wurde ihr Freund und Geliebter,
sie zu ihrem eigenen Gebieter.
Sie tanzte mit dem Tod
ins pralle Leben.
© Anja Scheik
Anja
9. August 2012
schön!!
Nadja Schwendemann
9. August 2012
….der Tod scheint ein Thema zu sein, zu dem wir uns am Ende alle einig werden, ereilt er früher oder später jeden von uns auf seine eigene Art, und unsere “Gewänder” bleiben alle hier.
“Der Tanz mit dem Tod” zeigt mir, daß es eine Möglichkeit gibt, dem Tod zu Lebzeiten näher zu kommen, sich mit ihm auseinander zu setzen, ihn anzuschauen und vielleicht fest zu stellen, daß er mehr sein könnte, als nur das “Ungeheuer”, welches mir mein Leben entreißt. Begegne ich ihm früher, könnte ich von ihm lernen, vielleicht sogar, wie ich besser leben kann……
Danke, für eure schönen Kommentare!
liebste Grüße, Nadja
Gisela Hammer
9. August 2012
….oh ja! Und wie wir Meister des Verdrängens sind…..vergessen wir uns nicht auch bei der Malerei? Fühlen uns wie in einem Kokon und schalten alles ab, was stört? Ich denke, “Verdrängen” gehört zu unserem Leben, ja, ist überlebenswichtig……..allerdings, und da hast Du natürlich völlig recht……….alles um uns herum wird oberflächlicher, schnelllebiger, vieles wird verdrängt, muss verdrängt werden, um nicht erdrückt zu werden von der Last. Ich denke, wichtig ist es,das richtige Maß für sich selbt dafür zu finden……….und auch immer darüber nachzudenken, daß alles endlich ist…………besonders wir!
Tolle Gedanken mit einem beeindruckenden Bild – da kann ich mich nur Anja anschließen!
Danke Dir, Nadja!
Norbert Gladis
9. August 2012
Danke Nadja,
der Tod ist ständig präsent…. auch in einigen meiner Bilder verarbeitete ich dieses Thema. Vielleicht kann man, indem man es in der Kunst verarbeitet, es besser einordnen und verarbeiten, wie viele andere Probleme und Lebenssituationen. Es rauslassen in der Kunst…. tränende Leinwand, trauernde Stifte, weinende Geigen……
Luna
9. August 2012
Liebe Nadja, deine Gedanken und dein Bild dazu gefallen mir sehr.
Ich denke, es kann nicht jeder so mutig sein, es gibt viele,
die das nicht schaffen (wollen)….und leider, du hast recht,
das Wegsehen, das ist sehr in Mode.
Ich sehe es zB hier, wenn ganze Wälde kahlgeschlagen werden und
kaum wer traut sich dagegen was zu sagen, weil “man es sich nicht verscherzen will”.
Und so ähnlich ist es auch beim Thema Tod.
Im Grunde werden wir geboren, um zu sterben.
Und was dazwischen ist….das ist unser Konto.
Wenn wir es mit guten Dingen befüllen, macht es sicher mehr Sinn, als mit Bösen.
Und sich selber in den Spiegel schauen zu können,
dazu gehört Charakter.
Viele liebe Grüße von Luna
Heidi Maria
12. August 2012
Hallo Nadja
Gefällt mir sehr wie Du Dich in die Tiefe dieses so sehr gefürchteten Themas gibst. Ich bin im Moment sehr beschäftigt mit dem Thema Tod: Meine Mutter, die bald gehen wird, meine akuten Herzprobleme…. Meinte ich früher genau zu wissen, was der Tod ist, was in der Todesstunde ablaufen wird, weiss ich heute je länger je weniger, schleicht sich Angst ein vor dem Unbekannten. Fragen tauchen auf: Habe ich mein Leben richtig gelebt, war es gut genug, habe ich genügend geliebt, habe ich meinen Auftrag hier auf Erden erfüllt?
Also versuche ich zu leben, es besser zu machen, Vertrauen zu gewinnen, mich fallen zu lassen. Da liegt noch ganz viel Arbeit vor mir, für die mir hoffentlich genügend Zeit verbleibt!
Das Bild ist sehr eindrücklich – wie alle Deine Bilder! Mir kommt dazu der Gedanke des Verstorbenen, der nicht weiss, dass er gestorben ist und in alle Ewigkeit an dem Tisch sitzen bleibt, den er schon längst hätte verlassen müssen!
Liebe Grüsse
Heidi Maria
Nadja Schwendemann
12. August 2012
Hallo, seid lieb gegrüßt und großen Dank für eure Kommentare,
Ja, Norbert, deine Bilder sind sehr tiefgehend und es ist schon so, daß die Malerei große Hilfe leisten kann, in der Auseinandersetzung mit Tod, Trennung und der Angst davor. Aber sie zeigt auch, wozu man in der Lage ist und das gibt Kraft.
Luna, ich stimme dir zu, für viele ist das Thema schwer zu ertragen und manchmal ist es auch besser, es für eine Wele beiseite zu schieben, um sich dem Leben zuzuwenden. Ich denke, es kommt immer drauf an in welcher Lebensphase wir uns gerade befinden. “Unser Konto”, ja, wenn wir dem Bestehen dieses Guthabens den nötigen Sinn geben können, sehen wir auch einem Abschied etwas gefestigter entgegen.
Heidi Maria,
die spührbare Nähe zum Tod macht uns, denke ich, unsicher. Als junger Mensch ist es leichter, darüber nach zu denken, sich Bilder und Vorstellungen davon zu machen, man kann sie leichter wieder abschütteln, weil ja noch so viel Leben vor einem steht. Doch je älter man wird, oder der Körper seine Grenzen deutlich zeigt, wird einem die Bedeutung eines nahenden Endes immer bewusster. Irgendwie scheint dieses Ende mit einem drohenden “Nichts” in Verbindung zu stehen und das will nicht ins Gehirn passen, als gäbe es keine Verknüpfung damit. Vielleicht hat das einen Grund…..manchmal denke ich, dieses Nichts gibt es nicht. Aber der Schritt von hier nach drüben……vor dem fürchte ich mich auch, was immer dahinter sein mag. Der Tod, der neben mir steht, weiß das, und ich hoffe, er wird gnädig umgehen mit mir und meinem verängstigten Herz. Denn die Angst vor dem Tod sitzt im Herzen, es fürchtet sich, vor dem letzten Schlag….
liebe Grüße an euch,
Nadja
Nadja Schwendemann
12. August 2012
Hallo Gisela,
auch an dich danke für deinen Kommentar und dein Kompliment! Ich kann mich deinen Gedanken nur anschließen. Der Kokon ist oft die letzte Rettung, wenn uns die Wirklichkeit aufzufressen droht….aber, wir wissen, daß wir wieder raus müssen um uns ihr zu stellen, und da sehe ich die Malerei als Hilfe, besonders, wenn man ganz wach und bewusst bei sich ist und dem was man tut.
Dann nutzt es auch der Kunst
liebe Grüße auch an dich,
Nadja
Kleinowitz Dagmar
12. August 2012
Hallo Nadja,
ein sehr beeindruckender Artkel und ein sehr stimmiges und aussagekräftiges Bild dazu.
Danke! Es regt mich wieder einmal an, nachzudenken, dankbar zu sein und mich dem Thema Tod zu stellen.
UND
ich hole mir wieder einmal das Buch
” Zeit zu sterben
Zeit zu leben” , welches ich vor kurzem
gelesen habe aus meiner Bücherwand – ein sehr beeindruckendes Buch über besondere Menschen, die Menschen beim Sterben begleiten.
Jedes Mal finde ich eine kleine “Kostbarkeit” wie z.B. diese Worte
“Wer sich seiner Endlchkeit stellt,verliert Angst und gewinnt Lebensfreude. Die Ars Moriendi ist ohne Ars Vivendi nicht zu denken.Die Kunst zu sterben und zu leben”
Aber sowie du schreibst, die Angst vor dem Tod sitzt im Herzen, es fürchtet sich, vor dem letzten Schlag….und diesen Weg gehen wir alleine….
Alles Liebe aus Wien
Nadja Schwendemann
28. August 2012
Liebe Dagmar,
danke dir für deinen tief gehenden Kommentar. So, wie du “wieder mal” das Buch aus dem Bücherregal holst, genau so kommt das Thema Tod immer wieder in regelmäßigen Abständen in unser Gedächtnis um uns an unsere Endlichkeit zu erinnern, uns damit zu konfrontieren, sie zu hinterfragen, oder zumindest unsere Vorstellung davon. Die Welt spielt sich in unserem Kopf ab und sie ist so, wie wir sie bewerten. Und eben so denke ich, daß es sich mit dem Tod verhält. Ich kann mir selbst aussuchen, was ich über ihn denke……vielleicht ist das die einzig wahre Freiheit über die wir Menschen verfügen.
In diesem Sinne, beste Grüße nach Wien aus dem gemütlichen Oberbergischen Land
Nadja