Cézanne oder die Kunst der Auslassung

Wohl kein anderer Künstler hat so eine breite Palette an Bildern in verschiedenen Vollendungsgraden wie der französische Maler Paul Cézanne. Heidi Maria Regaz-Hürlimann  macht uns anhand der Ausstellung, welche in Zürich und Wien gezeigt wurde, mit der Thematik vertraut.

Paul Cézanne (* 19. Januar 1839 in Aix-en-Provence; † 22. Oktober 1906 ebenda) war ein französischer Maler. Cézannes Werk wird unterschiedlichen Stilrichtungen zugeordnet. In diesem Artikel wird uns aber das Thema der Vollendung seiner Werke interessieren. Unter dem Motto „Vollendet Unvollendet“ ging  die Ausstellung vom 5. Mai – 30. Juli 2000 im Kunsthaus Zürich erstmals der Frage nach, ob das Unvollendete in den Bildern Cézannes gewollt oder unbeabsichtigt war.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8c/Paul_cezanne_1861.jpg

Paul Cezanne

 Eigentlich ist es erstaunlich, dass bis zu diesem Zeitpunkt noch nie eine Ausstellung durchgeführt worden war, die den Grad der Vollendung der Werke Cézannes untersucht hat. Erstaunlich aus folgenden Gründen: Bereits für den Künstler selbst war die Frage des Fertigmalens eines Bildes – Cézanne hat von „réalisation“  gesprochen – ein Thema, das in der Folge die gesamte Cézanne-Literatur wie ein roter Faden durchzieht. Während somit die theoretische Aufarbeitung der Problematik der Bilder mit den offenen Strukturen auf eine bereits lange Tradition zurückblicken kann, scheint die diesbezügliche Auseinandersetzung mit dem einzelnen Werk aber zu kurz gekommen zu sein, denn: Das gewollte oder vermeintliche „non finito“ eines Bildes kann nur in der intensiven Auseinandersetzung mit dem Original ermessen werden  Oft erscheint es schwierig bis unmöglich zu entscheiden ob eine Leinwand im unfertigen Zustand liegen geblieben ist oder ob nicht viel eher die Angst, die einmal erreichte Balance und Wechselwirkung der einzelnen Farbflächen zu gefährden, den Künstler daran gehindert hat, weiter zu malen. Da kann das einfühlsame Betrachten weiterhelfen: Man sieht die Unterschiede, die zu beschreiben grösste Mühe bereiten. (Quelle: Felix Baumann in „vollendet unvollendet Cézanne, Kunstforum Wien, Kunsthaus Zürich, Hatje Cantz Verlag 2000)

Madame Cézanne 1885-1888

Cézanne hat zeitlebens davon geträumt, in den Louvre aufgenommen, mit den alten Meistern verglichen zu werden. Dieser Wunsch wurde ihm längst erfüllt, mit gewissen Folgen für die Wahrnehmung seiner Bilder. Ein „Cézanne“: das ist zu einer definiten, entrückten und fraglosen Grösse geworden. Allenfalls der individuelle Geschmack trifft noch Entscheidungen zwischen diesem und jenem Werk, im Kontext eines sanktionierten Oeuvres. Die Geschichte hat die Frage des Gelingens dieser Kunst, diejenige der Vollendung, auf ihre Weise beantwortet.

Cézanne, Mont-de-Cengle – 1904-06

Bis zu seinem Tod erschien ihm das Unternehmen seiner Kunst grundsätzlich gefährdet, täglichem Misslingen ausgesetzt. Stereotyp war seine Klage, auf dem Weg zu seinem künstlerischen Ziel immer nur Fortschritte zu machen, ohne es aber je zu erreichen. Tatsächlich zeigt bereits die Durchsicht des Werkkatalogs und noch eindrücklicher der Gang durch diese Ausstellung, dass sich seine Ölbilder in extrem unterschiedlichen Zuständen der Gestaltung präsentieren. Diese reichen von einer skizzenhaften Offenheit über alle möglichen Zwischenstufen bis zu einer Dichte des Erscheinens, die aus vielfach überlagerten Farbschichten herrührt, welche sich da und dort kissenartig aufwölben. Der Augenschein bestätigt mithin, was wir auch aus den zeitgenössischen Berichten wissen. Cézanne hat Bilder mitunter früh abgebrochen, sie während der Arbeit aufgegeben und liegengelassen, sich aber auch schwer getan, einen Schlusspunkt zu setzen. Erwähnenswert ist dieses Geschehen nur deshalb, weil es sich nicht in der Form der Studie oder des Entwurfs ereignete – Gattungen, die traditionell dem Experiment dienen vom Vollendungszwang entlastet sind -, sondern inmitten des Gemäldes, von dem vor allem Vollendung erwartet wurde.  (Quelle: Gottfried Boehm, ebenda)

Cézanne, Landschaft in der Umgebung von Aix – 1900-06

 

Soweit der Ausstellungskatalog. Mich hat die Ausstellung sehr berührt. Der Mut zur Auslassung, oder anders gesagt: das Bild unvollendet beiseite legen und nie mehr daran weiterarbeiten, hat mich tief beeindruckt. Die Bewegung, welche damit erzielt wird, die Möglichkeit, Teil des Bildes zu werden und seine Mysterien zu erforschen, lässt viel Raum, seine eigenen Geschichten auszuspinnen. Wie sehr kenne ich dieses Bestreben nach Vollendung, wie mühsam musste ich lernen, dann aufzuhören zu malen, wenn sich wie von selbst eine Harmonie im Bild einstellte und wie zerstörend hat sich die erhoffte Vollendung oft ausgewirkt. So geht es für mich auch darum, diesen Zustand im Fluss – was ja ein Widerspruch in sich selbst ist – auszuhalten, im Wissen darum, dass der Prozess im Geiste weiterführt und vielleicht für jeden eine andere Richtung einschlägt.

Cézannes vollendete Bilder sprechen mich keinen Teil so an wie die Bilder, welche in fliessender Andeutung soviel Raum für meine Fantasie und meine Gefühle lassen. Vielleicht kann ich das mit folgender Gegenüberstellung verdeutlichen:

Badende von Cézanne

 

Autor / in
Autorin Art11, Kunstschaffende aus St.Gallen/Schweiz
2 KommentareDein Kommentar
  1. Sehr informativer Artikel, liebe Heidi, gut gelungen!
    Ich sah u.a. auch seine Bilder in der Wiener Impressionistenausstellung! Wunderbar!
    LG

    • Danke Luna! Ja seine Bilder haben mir sehr gefallen und waren mir eine grosse Hilfe meine Neigung, Bilder “ganz fertig” zu malen, etwas loszulassen. Manchmal fällt die Entscheidung etwas leichter, manchmal schwerer, aber es ist immer eine Herausforderung zu wissen, wann ein bild “fertig” ist. Da sind die Grenzen fliessend!

Neuen Kommentar hinzufügen

Bitte trage deinen Namen ein.

Name wird benötigt

Bitte trage eine gültige Email Adresse ein.

Email wird benötigt

Please enter your message

Art11

Art11 ist ein Online-Magazin in dem kunstbezogene Themen erörtert werden. Zur Zeit setzt sich die Redaktion aus sieben Künstlerinnen aus vier verschiedenen Ländern zusammen, die sich in der weiten Welt des Internets gefunden haben. Zusammen mit den Gastautoren gestalten wir die Berichte in diesem Magazin.

Wir möchten die Gelegenheit bieten mehr über die Personen hinter den Werken zu erfahren. Kunst ist ein weitgefächertes Thema und bietet viel Raum für Beiträge, Gedanken und Diskussionen in verschiedenster Form. Dies möchten wir ohne kommerzielle Vermarktung verwirklichen.

Ein reger Austausch mit Künstlern, Künstlerinnen und Kunstliebhabern ist uns sehr wichtig. Deshalb bewerbe Dich als Gastautor. Stell Dich, Deine Kunst und Gedanken vor.

art11 – magazine © 2013 All Rights Reserved

Designed by WPSHOWER

Powered by WordPress

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de