Eine Vorstellung anstelle einer Vorstellung

Der aus Österreich stammende Soziologe und Kunstschaffende Walter Schrittwieser stellt sich beim Art11-Magazin in einer etwas anderen Weise vor. Nicht sein eigenes Kunstschaffen steht im Mittelpunkt, sondern die gesellschaftliche Einbettung der Institution Kunst, ihre Verortung in den sozialen Strukturen der Gesellschaft sind für ihn von Bedeutung. Er stellt außer Frage, dass diese Art von Beschäftigung mit Kunst ohne die Einbindung philosophischer und sozialphilosophischer Überlegungen wenig Früchte tragen würde.

Eine breitgefächerte Biografie zu liefern, damit der Leser wisse, mit wem er es zu tun hat, ist hier nicht meine Absicht; nicht zuletzt deshalb, weil Meinungen immer noch eher daran gemessen zu werden scheinen, wer sie geäußert hat, als daran, welchen Inhalts sie sind. Wen meine biografischen Daten wirklich interessieren, den bitte ich, im Profil eines meiner Projekte: Sigurt Funk - Kunst Figur  nachzusehen, wo die Eckdaten, die mir in diesem Zusammenhang wichtig waren, sorgsam aneinandergefügt wurden.

In einer Kunstzeitschrift wie dieser wird es nicht nur darum gehen, Künstlern eine Plattform für die Präsentation ihrer Werke zu bieten und diese kunsttheoretisch zu reflektieren, es sollte auch ständige Übung sein, darüber nachzudenken, in welchen gesellschaftlichen  Gesamtzusammenhang Kunst eingebettet ist. Einerseits sollte also ein selbstreflexiver Prozess der Künstler und Rezipienten von statten gehen, andererseits könnte aber auch eine Art von Meta-Position Berücksichtigung finden, die nicht nur den subjektiven Blick des Rezipienten berücksichtigt, sondern auch darüber hinausgehend versucht, etwas von den “objektiven” sozialen Gegebenheiten widerzuspiegeln. Einige wenige Facetten dieses gesellschaftlichen Gesamtzusammenhanges werde ich zu beleuchten versuchen. Dabei wird sehr darauf zu achten sein, sich immer wieder auf die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Community zu beziehen; die eigene Meinung also an dem zu messen, was man gemeinhin mit ”Stand der Wissenschaft” meint. Dass eine Beschäftigung mit Kunst, ohne auch die Philosophie zu bemühen, nicht gut möglich ist, versteht sich von selbst.

Es gibt viele grundlegende Fragen, die der Mensch seit dem Zeitpunkt, da er über sich selbst nachzudenken begann, beantwortet wissen will. Eine der bekanntesten schematischen Darstellungen dieser Fragen hat Immanuel Kant bekanntlich so formuliert:

  1. Was kann ich wissen?
  2. Was soll ich tun?
  3. Was darf ich hoffen?
  4. Was ist der Mensch?

Wir „gewöhnliche“ Menschen schlagen ganz unterschiedliche Wege ein, wenn es darum geht, diese Fragen für uns zu beantworten. Dieses Bestreben führt uns einerseits auf Pfade der streng rationalen, wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Welt, vielleicht auf die der Biologie, der Anthropologie, der Psychologie mit allen ihren Spielarten, der Soziologie usw. , es führt uns aber andererseits auch zur Kunst, zur  Metaphysik, zur  Religion, in Bereiche der Mystik, in jene der Meditation, vielleicht sogar in die Verstrickungen der Esoterik. Alles das hat seine Berechtigung, aber nicht alle diese Möglichkeiten führen zu denselben in gleicher Weise gültigen Ergebnissen.

Mich führten diese Fragen nicht zuletzt auf das Gebiet der Soziologie, weil ich mir selbst zuwenig wichtiges Rätsel war, als mir die Wirkungen desjenigen Gebildes, das wir als Gesellschaft bezeichnen, oft rätselhaft, unverständlich und deshalb klärungsbedürftig erschienen.

Erst die Erkenntnis, dass neben den sogenannten objektiven Beschreibungsmöglichkeiten der Welt auch noch etwas eine Rolle spielt, was ich die subjektiv beschreibbare Unbeschreibbarkeit der Wirklichkeit nennen möchte, führte mich in weiterer Folge auch zu selbsttätigen künstlerischen Ausdrucksweisen.

Man könnte - wenn auch fälschlicherweise - davon ausgehen, dass Kunst für den Menschen immer schon eine Rolle gespielt habe. Man könnte auf die zahlreichen, oft außerordentlich gut erhaltenen Kunstwerke des Paläolithikums, des Neolithikums verweisen, auf die Höhlenmalereien von Alta Mira und andere ähnlich gut bekannte Kunstwerke und auf diese Weise der Kunst Ewigkeitscharakter zuschreiben. Wir würden einerseits irren, andererseits doch wieder nicht.

Will man diese  Fragen zu klären versuchen, wird einem nicht erspart bleiben, sich einer Soziologie der Kunst zuzuwenden, die unter anderem danach fragt, ob denn die Kunst auch in einem sozial leeren Raum bestehen könnte – in der der Künstler als Monade in einer Art „Elfenbeinturm“ existiert- oder ob das, was wir Kunst nennen, doch unausweichlich in bestimmte gesellschaftliche Voraussetzungen eingebunden ist. Für beide Ansichten lassen sich Belege finden. Diese gegeneinander abzuwägen, ihre Entstehungsgeschichte in Grundzügen nachzuzeichnen, sollte geeignet sein, vermehrt Klarheit und Struktur in diesen von außerordentlicher Subjektivität gekennzeichneten Bereich zu bringen.

Dazu ein paar wenige - ich hoffe interessante – Beiträge für art-11 zu liefern, wird in der nächsten Zeit mein Bestreben sein.

Mit besten Grüßen

Ihr WS

Walter Schrittwieser (4 Posts)

Gastautor Art11, Soziologe und Kunstschaffender aus Graz, lebt dzt. im Südburgenland, Österreich


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Gastautor Art11, Soziologe und Kunstschaffender aus Graz, lebt dzt. im Südburgenland, Österreich
6 KommentareDein Kommentar
  1. Lieber Walter,
    ich habe Deine Ausführungen mit großem Interesse gelesen.
    Und freue mich sehr, daß Du unsere Gruppe mit Deinen Sichtweisen bereicherst bzw bereichern wirst!
    Das macht neugierig auf mehr!
    Viele Grüße von Luna (Gabriela)

  2. Ich kann mich Gabi nur anschließen!
    Auch ich finde deine Beiträge sehr wertvoll und genieße es deine Texte zu lesen!
    Liebe Grüße!

  3. Lieber Walter

    Hochinteressant und auch komplex, was du da geschrieben hast und ich bin sehr gespannt wie es weitergeht.

    Für mich braucht es immer den inneren Drang zu malen. Ob das wohl für die “Artisten” der Höhlenmalerei auch zutrifft? Es wird wohl auch in den damaligen Gesellschaften verschiedene Neigungen und Talente gegeben haben. Oder hat der Jäger selber dargestellt wie er sich in das zu jagende Tier hineinversetzte?

    Die Menschheit hat ihre Kenntnisse der Geschichte immer mehr erweitert. Aber können wir uns mit unserem heutigen Bewusstsein so in die damaligen Menschen versetzen, dass wir wissen können, was sie bewegt hat?

    Ich freue mich darauf mehr von Dir zu erfahren!
    Liebe Grüsse

  4. Geschätzte Heidi Maria, ich denke “der innere Drang” ist ebenso wichtig wie die Frage, welchen Gewinn ein Betrachter aus einem Kunstwerk zu ziehen vermag. Insofern wäre die Frage bei den prähistorischen Malereien schon auch, was damals die Künstler dazu bewegt hat, sie zu gestalten, aber auch was diese uns jetzt zu sagen haben und was diese mit uns zu tun haben. Und da sind wir bereits beim Thema von Walter, auf dessen weitere Ausführungen ich mich freue.

    • Ja lieber Hermann, ich bin auch gespannt. Einige dieser prähistorischen Künstler haben ja ihre Werke sogar signiert mit einem Abdruck ihrer Hand. Nebst vielen Tieren findet man Kampfszenen, und man stellt sich vor, dass sich der Alltag damals in einem Umfeld von Jagd und Kampf abgespielt hat.

  5. Interessanter Beitrag!
    Es ist mein innerer Drang, zu malen. Mich auszudrücken. Der existiert erst mal ohne das Aussen, die Umwelt, die anderen Menschen. – Später aber braucht das Ergebnis dieses inneren Drangs, mich auszudrücken,die Umwelt, die anderen Menschen, zwecks Kommunikation über das Entstandene.. Austausch. Sich ausdrücken wollen (=Kunst) ist immer auch Kommunikation mit anderen.

    v.Grüße Gaby Steinbach

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