Wie eindringlich sich ein Leben mit Behinderung auf den künstlerischen Ausdruck niederschlägt erzählt uns Heidi Maria Regaz-Hürlimann an dem aufwühlenden Beispiel von Frida Kahlo, welche in jungen Jahren einem schrecklichen Unfall zum Opfer fiel.
Es gibt Menschen mit künstlerischen Neigungen, welche dennoch nie eine künstlerische Laufbahn für sich wählen. Vielleicht werden sie Kunstsammler, vielleicht besuchen sie des öftern Ausstellungen, Konzerte oder das Theater. Oder aber sie verdrängen die Kunst in den hintersten Raum ihres Gedächtnisses, wo sie verstaubt und vergessen geht.
Dann gibt es Menschen, denen von allem Anfang an klar ist, dass nur eine künstlerische Tätigkeit für sie in Frage kommt auf Biegen und Brechen und ohne Rücksicht darauf, dass sie davon an den Rand des Existenzminimums, in die Armut, zu Hunger und Entbehrungen getrieben werden. Davon weiss uns die Geschichte anschaulich zu erzählen.
Aber eine unbekannte Anzahl von Künstlern ist durch schicksalshafte Einbrüche in ihrer Biographie auf diesen Weg geführt worden. Nicht dass es sie vorgängig nicht interessiert hätte, aber Krankheit oder Unfall haben ihnen den notwendigen Freiraum und die Musse dazu gegeben ohne gezwungen zu sein, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Das eindrücklichste Beispiel dafür ist für mich Frida Kahlo, die durch einen schrecklichen Unfall Jahre ihres Lebens an ihr Bett gefesselt war. Ihre Werke erzählen in eindringlicher Bildsprache von ihrem Leiden, von ihrem eingesperrt sein in einen schmerzenden Körper, von ihrer leidgeprägten Beziehung zu Diego Rivera, dessen Kind, das sie erwartete, nie das Licht der Welt erblickt hat.
Weder Derain, noch du oder ich, keiner von uns kann einen Kopf so malen wie Frida Kahlo.
(aus einem Brief Picassos an Diego Rivera, 1939)
Selbst in einer ähnlichen Situation – nicht durch Unfall, sondern schwere Krankheit – erhielt ich von meinem Zeichnungslehrer Andrew zu meinem 50. Geburtstag ein Buch über Fridas Leben und Werk. Neige ich eher dazu, meine Gefühle durch Farben und eine unbändige Kraft auf’s Papier oder die Leinwand zu schleudern, hat Frida sich durch schmerzhaft eindeutige, minutiös ausgeführte Bildaussagen ausgedrückt. Detailgetreu waren die Darstellungen oft surrealistisch geprägt. Das Korsett, das sie seit ihrem Unfall tragen musste, mutet an wie eines jener Kleidungsstücke, in welches die Frauen vergangener Epochen eingesperrt waren.
Geboren am 6.7.1907 in Mexiko-Stadt, zeichnete sie ihre mexikanische Herkunft in den bunten Farben nach, die sie auch auf dem Leib trug und bezog sich in ihren Werken oft auf die frühe Kunst Mexikos, die der Azteken und Maya, während die europäische Seite, welche sie von ihrem Vater, Carl Wilhelm Kahlo, ererbt hatte, ungeliebt blieb. Sie änderte sogar später ihr Geburtsjahr auf 1910, das Jahr der mexikanischen Revolution um zu betonen, dass ihr Leben erst in Mexiko seinen Anfang genommen hatte.
In den Jahren, in denen sie nur im Bett liegen konnte, wurde ihr ein grosser Spiegel über ihrem Himmelbett montiert. So malte sie ihre Selbstbildnisse, welche durch eine grosse Ernsthaftigkeit geprägt sind, liegend.
Mich hat Leben und Werk dieser starken Frau sehr berührt, die Kraft mit der sie ihr Leben meisterte, die Eindringlichkeit ihrer Bildsprache, aber auch der erbitterte Widerstand gegen ihr Schicksal. Fridas bewegende Lebensgeschichte wurde im gleichnamigen Film eindrücklich nachempfunden.






Verena
8. November 2011
sehr eindrucksvoll!
Heidi Maria
8. November 2011
Danke Verena!
Luna
8. November 2011
Bewunderswert, trotz soviel persönlichem Leid bzw gerade wegen diesem
solch Bilder zu schaffen.
Vor allem liegend…
Dein Artikel regt auch zum Nachdenken ein, Heidi Maria!
Gut gelungen!
LG Luna/Gabriela
Patrizia
8. November 2011
Wunderbarer Artikel Heidi!
Die unvergessliche Frida Kahlo!
Heidi Maria
8. November 2011
Danke Euch; Luna und Patrizia!
Dagmar
9. November 2011
wunderschöner Bericht Heidi
Frida Kahlo mag ich sehr. Ich hatte das Glück, heuer einige ihrer Bilder in einer Ausstellung in Wien sehen zu können. Sie haben mich sehr berührt und beeindruckt.
Heidi Maria
9. November 2011
Danke Dagmar. Ja sie gehen sehr zu Herzen und zeugen von einer enormen Kraft. Ihr Leben wurde auch grossartig verfilmt. Ich habe ihn im Kino gesehen und mir später die DVD gekauft.
dena-nakedboyz
16. November 2011
Wundervoller text!
Der Film ist einer meiner liebsten, da ich Frida Kahlo und ihre wahnsinnige Stärke sehr bewundere (natürlich auch aufgrund der dort entandenen Bilder im film…).
Es ist gut zu wissen, dass es nicht nur Menschen sondern vorallem Frauen gibt und gab, die für ihren Weg und ihre Leidenschaften auf welche Weise auch immer gekämpft haben…
Und natürlich ist es immer wieder schön von einer meiner Lieblingskünstlerinnen zu lesen
Danke!
Heidi Maria
16. November 2011
Danke Dena!
Ja ihre Lebensgeschichte ist sehr berührend wie auch die enorme Kraft, die sie daraus gechöpft hat!